Resul Özçelik

Wo Worte verbinden, wachsen neue Horizonte.

Die Einsicht in den eigenen Mangel

Düsteres Spiegelbild eines nachdenklichen Mannes neben einer nebligen Tür; rechts ein sonniger Weg in eine helle Landschaft – Symbol für Selbstkritik, Selbstverurteilung und Hoffnung im Glauben.

Einen eigenen Fehler zu erkennen, ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Bewusstsein. Wer seine Unzulänglichkeiten wahrnimmt, begegnet sich selbst ohne Ausflüchte. Das ist unbequem, aber ehrlich. Problematisch wird es erst dann, wenn aus dieser Einsicht kein Wille zur Veränderung entsteht, sondern eine dauerhafte Selbstabwertung.

In der islamischen Denktradition ist Selbstprüfung kein Selbstzweck. Sie dient nicht dazu, sich klein zu machen, sondern sich zu orientieren. Wer Fehler erkennt, übernimmt Verantwortung. Doch Verantwortung endet dort, wo der Mensch beginnt, sich selbst endgültig zu verurteilen. Genau an dieser Stelle kippt Selbsterkenntnis in etwas Zerstörerisches.

Zwischen Selbstprüfung und innerer Sabotage

Nicht jede kritische Stimme im Inneren ist hilfreich. Selbstprüfung öffnet Handlungsspielräume, innere Sabotage verschließt sie. Wenn Gedanken nicht zu Reue, Umkehr oder Entwicklung führen, sondern lediglich lähmen, dann ist Vorsicht geboten. Das ist kein Zeichen von Tiefe, sondern von innerer Blockade.

Islamische Gelehrte unterscheiden deshalb klar zwischen Muhasaba und Waswasa. Die eine führt zur Bewegung, die andere zum Stillstand. Der Mensch soll seine Fehler sehen, aber nicht in ihnen wohnen. Wer sich nur noch über seine Mängel definiert, verliert den Blick für Verantwortung und Hoffnung.

Hoffnungslosigkeit als geistige Sackgasse

Hoffnungslosigkeit wirkt oft demütig, ist es aber nicht. Der Gedanke „Für mich gibt es keinen Weg mehr“ klingt bescheiden, setzt aber voraus, dass die eigene Einschätzung schwerer wiegt als göttliche Barmherzigkeit. Genau deshalb wird Hoffnungslosigkeit in der islamischen Theologie so scharf kritisiert.

Fehler können den Menschen zur Reue führen, Hoffnungslosigkeit hingegen trennt ihn von jeder inneren Bewegung. Sie kappt das Gebet, die Anstrengung und den Wunsch nach Veränderung. Damit wird sie nicht zu einem Ausdruck von Frömmigkeit, sondern zu einem stillen Rückzug aus Verantwortung.

Wo der Mensch nicht endet

Der Mensch ist mehr als die Summe seiner Fehler. Er endet nicht an seinem Versagen, sondern beginnt neu mit seiner Ausrichtung. Wer seine Schwächen anerkennt und sich dennoch nicht aufgibt, bewahrt innere Würde. Das ist weder Selbstrechtfertigung noch Selbstaufgabe, sondern ein realistischer Blick auf das Menschsein.

Vielleicht liegt Reife genau hier: Fehler ernst zu nehmen, ohne sich von ihnen definieren zu lassen. Nicht die eigene Makellosigkeit trägt den Menschen, sondern die Bereitschaft, trotz Bruchstellen weiterzugehen. Hoffnung ist dabei kein Gefühl, sondern eine Haltung.

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