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  • Erst prüfen, dann teilen: Was ein Vers aus dem 7. Jahrhundert über Fake News weiß

    Erst prüfen, dann teilen: Was ein Vers aus dem 7. Jahrhundert über Fake News weiß

    Es beginnt meistens harmlos. Eine Sprachnachricht in der Familiengruppe, ein Screenshot ohne Quelle, dazu der Satz „Habt ihr das schon gehört?“. Niemand weiß genau, wer es zuerst gesagt hat, aber alle wissen schon, was davon zu halten ist. Wer dann vorsichtig fragt, ob das überhaupt stimmt, gilt schnell als Spielverderber. Dabei ist genau diese Frage der Kern einer alten Regel, die erstaunlich modern klingt: Gerüchte prüfen, bevor man sie weitergibt. Der Koran hat sie vor rund 1.400 Jahren formuliert, lange bevor jemand eine Weiterleiten-Taste erfunden hat.

    Ein Vers, der wie eine Gebrauchsanweisung fürs Smartphone klingt

    In Sure al-Hudschurat heißt es sinngemäß: „Ihr, die ihr glaubt: Wenn jemand, dem nicht zu trauen ist, euch eine Nachricht bringt, dann prüft sie genau, damit ihr nicht aus Unwissenheit Menschen Schaden zufügt und hinterher bereut, was ihr getan habt“ (49:6). Im arabischen Wortlaut steht dort fāsiq, meist mit „Frevler“ übersetzt: jemand, der den Weg von Recht und Wahrheit verlassen hat. Der Vers lenkt den Blick also zuerst auf die Quelle. Wer es mit der Wahrheit nicht genau nimmt, dessen Nachricht verdient keinen Vertrauensvorschuss, sondern eine Prüfung. Der Vers verbietet nicht, Nachrichten zu hören. Er verbietet auch nicht, darüber zu reden. Er verlangt etwas Unbequemeres: eine Pause zwischen Hören und Handeln.

    Bemerkenswert ist, wie der Vers den Schaden beschreibt. Er spricht nicht von einer falschen Meinung, die man hinterher korrigieren kann. Er spricht von Menschen, die getroffen werden. Ein Gerücht ist eben kein harmloser Gedanke, der in der Luft hängt. Es landet irgendwo, und zwar meistens bei jemandem, der nicht gefragt wurde. Das Bedauern danach ist dabei fest eingeplant. Der Vers kennt den Menschen offenbar gut.

    Warum Gerüchte prüfen so schwerfällt

    Wer Gerüchte prüfen will, kämpft nicht nur gegen Falschmeldungen, sondern gegen den eigenen Kopf. Eine Neuigkeit, die zu dem passt, was man ohnehin schon vermutet hat, fühlt sich sofort richtig an. Das ist derselbe Mechanismus, den ich im Beitrag über den „Tiger-Modus“ im Kopf beschrieben habe: Das Gehirn mag keine Lücken und füllt sie lieber schnell als richtig.

    Dazu kommt ein zweiter Reiz. Wer eine Neuigkeit als Erster weitergibt, ist für einen Moment wichtig. Man weiß etwas, das andere noch nicht wissen. Das ist ein kleiner sozialer Gewinn, und er kostet nur einen Daumen auf dem Bildschirm. Die Prüfung dagegen kostet Zeit und manchmal auch die Pointe. Eine Geschichte, die sich als halb so wild herausstellt, will niemand mehr hören. Das Gerücht hat also einen eingebauten Vorsprung: Es ist schneller, aufregender und belohnt den, der es verbreitet.

    Eine Lektion aus Medina: Das Gerücht gegen Aischa

    Wie das in der Praxis aussieht, zeigt eine Geschichte aus der Frühzeit des Islam. Über Aischa (r.a.), die Frau des Propheten (s.a.w., Friede und Segen seien auf ihm), wurde ein Gerücht in die Welt gesetzt, das ihre Ehre beschädigen sollte. Es verbreitete sich in Medina, wochenlang, und nicht nur bei denen, die es böse meinten. Auch fromme Menschen redeten mit. Erst eine Offenbarung stellte die Sache klar.

    Die Verse dazu sind eine scharfe Kritik an der Gemeinschaft, nicht nur an den Urhebern. Sinngemäß heißt es: Warum habt ihr, als ihr es hörtet, nicht Gutes voneinander gedacht und gesagt, dass das offensichtlich eine Lüge ist (24:12)? Und weiter: Ihr habt es mit euren Zungen weitergereicht und mit eurem Mund ausgesprochen, wovon ihr kein Wissen hattet, und es für eine Kleinigkeit gehalten, während es bei Gott gewaltig war (24:15). Für eine Kleinigkeit gehalten: Diese drei Worte passen auf jede Weiterleitung, die man „nur mal so“ verschickt.

    Weitererzählen ist schon eine Behauptung

    Eine kurze Überlieferung bei Muslim bringt es noch knapper auf den Punkt: Es genügt einem Menschen als Lüge, alles weiterzuerzählen, was er hört. Der Satz ist unbequem, weil er eine beliebte Ausrede abschafft. „Ich habe es ja nur weitergeleitet“ klingt neutral, ist es aber nicht. Wer etwas weitergibt, verbürgt sich ein Stück weit dafür. Dass ausgerechnet die islamische Gelehrsamkeit später eine ganze Wissenschaft daraus gemacht hat, Überlieferer und Überlieferungsketten zu prüfen, ist kein Zufall. Darüber habe ich in „Zwischen Überlieferung und Zweifel“ geschrieben.

    Ein dritter Vers schließt den Kreis: „Folge nicht dem, wovon du kein Wissen hast. Gehör, Augen und Herz, über all das wird Rechenschaft verlangt“ (17:36, sinngemäß). Das ist keine Aufforderung zum Misstrauen gegenüber allem und jedem. Es ist eine Erinnerung daran, dass Wahrnehmung Verantwortung bedeutet. Was man hört, gehört einem nicht einfach. Man hat es nur in Verwahrung.

    Die Pause zwischen Hören und Handeln

    Praktisch heißt das nicht, jede Nachricht wie ein Ermittler zu behandeln. Es reichen ein paar ehrliche Fragen. Woher stammt das? Wer hat es zuerst gesagt, und hat diese Person einen Grund, es so zu erzählen? Würde ich es auch dann weitergeben, wenn es über mich selbst handeln würde? Und wenn sich das nicht klären lässt, bleibt immer noch die eleganteste Lösung von allen: es einfach nicht zu teilen.

    Der Vers aus Sure al-Hudschurat verlangt keine Heldentat. Er verlangt nur, dass man zwischen dem Ohr und dem Daumen kurz den Verstand einschaltet. Das klingt nach wenig. Gemessen daran, wie selten es passiert, ist es eine ziemlich große Aufgabe. Und wer Gerüchte prüfen lernt, schützt am Ende nicht nur andere, sondern auch sich selbst vor einem Satz, den der Koran schon kennt: hinterher zu bereuen, was man getan hat.

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